TorD Startseite
4175   aktive Mitglieder    3138   erotische Aufgaben
41   Logins heute (24Std.)    128842   Lösungen
      390997   Kommentare
wird stündlich aktualisiert

Buchempfehlung

leichte Aufgabe (allgemeine Aufgabe) Übersicht
 
Wäre es nicht mal wieder Zeit für ein gutes Buch? Aber was lesen?

Gib uns bitte eine Buchempfehlung. Dazu gehört -- neben der Angabe von Autor und Verlag -- auch eine kurze Inhaltsangabe, die aber nicht zu viel vorweg nehmen darf. Und natürlich sollst du begründen, warum gerade dieses Buch empfehlenswert ist. Es muss kein erotisches Werk sein, allerdings wäre dann noch eine Erklärung angebracht, warum du es dieser Runde besonders ans Herz legen willst.

Wenn du die Aufgabe schon einmal gelöst hast, darfst du auch einen Film, ein Theaterstück, eine Veranstaltung oder eine Internetseite empfehlen. Aber zunächst ist eine Buchvorstellung gefragt.


Dauer: 7 Tage    Kamera: Nein    Für: Männer, Frauen, Paare    erstellt: 24.09.2002   
Kategorie 1: literarisch    Kategorie 2: Schreibaufgabe, Bücher/Filme/Webseiten   
Adultshop
gelöst  30.01.2011 10:46  


Faschinger, Lilian. Magdalena Sünderin. München: dtv, 1997. 

"UND JETZT WERDEN SIE MICH ANHÖREN, HOCHWÜRDEN. Es wird Zeit, dass Sie auch mir Ihr Ohr leihen, Ihr auf alle Nuancen schwerer und lässlicher Sünde abgestimmtes katholisches Priesterohr, das schon so vielen verständnisvoll zugeneigt worden ist. Sie werden keine Gelegenheit haben, Ihre feinen Katholikenohren mit den aus dem äußeren Gehörgang sprießenden dunkelblonden Härchen zu verschließen. Es ist unmöglich, sich mit gefesselten Händen die Ohren zuzuhalten. Auch werden Sie weder die Möglichkeit haben, mit Gebetsformeln und liturgischen Gesängen das, was ich Ihnen erzählen werde, zu übertönen, noch Ihren Organisten um Hilfe rufen, damit er mit seinem Orgelpunkt meine Rede zudeckt.  Ihr Organist mit seiner Orgel und seinem Orgelpunkt ist weit weg. Es ist unmöglich, mit einem Knebel im Mund um Hilfe zu rufen, ebenso wie es unmnöglich ist, mit einem Knebel im Mund Gebetsformeln zu sprechen oder liturgische Gesänge zu intonieren. Sie sind hilflos Hochwürden. Meine Wörter und Sätze werden auf Ihr Trommelfell prasseln wie von boshaften Kindern auf Windschutzscheiben gworfene Äpfel, so dass dessen Membran erschreckt zu vibrieren beginnt und die Schallwellen aus meinem Mund schleunigst auf Hammer, Amboss und Steigbügel übertragen werden. Der Schalldruck wird hundertachtzigfach verstärkt in Ihren schwingungsfähigen Schneckengang einbrechen wie eine Metallkugel in die spiralförmigen Bahnen eines Spielautomaten und sich bis in die Paukentreppe fortpflanzen. Die Nervenimpulse werden über den Hörnerv Ihrer Großrinde jagen, die endgültig dafür sorgen wird, dass Sie mich hören. Rot, grün, blau und gelb wedern die Lämpchen in Ihrem Gehirn aufleuchten wie eine Lichtorgel, rhythmisch verbunden mit der Musik meiner Rede, und Sie werden mich endlich hören." 

So begann die Sünderin ...

... während vor ihr, gefesselt an einen Baum, ein österreichischer Priester durch einen Knebel zum Zuhören verdammt ist. Magdalena möchte dem Priester nur eine Satz abverlangen "Ego te absolvo" - sie möchte beichten. Ihre sieben Morde, ihre sieben Liebesaffairen auf ihrer Reise durch halb Europa. Und so sitzt oder steht sie vor ihm und erzählt und erzählt und erzählt. Von ihren sieben Lieben, die sie jeweils soweit trieben, dass nur der Mord ihr Ausweg ist. Sonst hätten ihre Liebhaber sie zerstört, psychisch, physisch - so die weibliche Logik.

So wie der Leser durch ihre Erlebnisse reist und Magdalenas Leben miterlebt, reist sie, um überhaupt zu existieren. Es ist keine Flucht, es ist eine Anklage - die eines Opfers an die beengende (österreichische) Männerwelt. An die Determinierung der Frau durch den Mann. Es fällt einem dabei schwer, sie als Opfer zu erleben. Sie ist stark. Und sie gibt sich ihren Schwächen und Gelüsten so leidenschaftlich gerne hin. Genau das, macht mir den Roman so spannend. Ich bin innerlich zerrissen wie der Priester - Magdalena fasziniert mich. Und ich kann sie teilweise wirklich verstehen. Und ich verstehe den Priester und seinen inneren Kampf zwischen seinen moralischen Überzeugungen und ihrem weiblichen Reiz, der personifizierten Sünde. Er ist derjenige, der die Worte Magdalenas niederschreibt - sie in wörtlicher Rede wiedergibt, kommentiert. Seine Gedanken sind es, die mich ebenso in ihren Bann geraten lassen wie ihn. Auch mich reizt sie.  Ich merke, wie ich ihr näher und näher komme - und immer näher und näher kommen möchte. Wie auch ich Gänsehaut habe, berührt sie nur einen Zentimeter Haut oberhalb der Fessel am Fußgelenk des Priester.

Nichts in diesem Roman ist ohne Lust, Gelüste, Gier und den damit einhergehenden menschlichen Verfehlungen. Seien es Variationen der Gottesanbieterin, die Verstrickungen mit der Divina Comedia oder Dracula - Mythen ganz generell - es war bisweilen so, als schaute ich in den Spiegel meiner eigenen moralischen Abgründe. Abscheu, Hass, Mordgelüste. Und manchmal war es einfach nur eine Erleichterung, das Buch wegzulegen. Doch dann konnte ich mir wiederum so oft das Grinsen nicht verkneifen. Die Parodie so mancher "hoher Vorbilder" oder auch die permanenten Schimpftiraden gegen Österreich - ein Schelmroman ist es eben doch.

Und damit passt der Roman wohl gut zu uns hier. Ich jedenfalls finde viel von unseren Erlebniswelten in diesem "Spiegel" wieder. Reiz, Neugier, Niveau, Intimität gepaart mit Irrungen und Wirrungen - stets untermalt von Lust und häufig Grund für ein Grinsen.